Um einen Kuß.

Eine lustige Geschichte von Georg Prinz.
in: „Stralsundische Zeitung, Sonntagsbeilage” vom 09.10.1898


Am Stammtisch des Wirthshauses „Zur goldnen Kugel” ging es wiedermal außerordentlich fröhlich zu. Es war bereits elf Uhr vorbei, die alten Herren, die Honoratioren des Städtchens, waren fortgegangen, und so nahm denn das junge Volk, Oekonomen aus der Umgegend, Lehrer, Beamte und Kaufleute, mit Sturm Besitz von dem runden Tisch, der in der Mitte des großen Raumes gerade unter der Gaskrone stand.

Sie Alle, die dort saßen, waren Leute aus guten Familien, denen das Geld nicht knapp war, und so brach man schnell nach einander verschiedenen Flaschen die Hälse, bis die Stimmung der Tafelrunde eine äußerst animirte war.

Wie gewöhnlich, wenn lustige flotte Burschen beim Schoppen sitzen, kam das Gespräch bald auf das schöne Geschlecht, und heute besonders debattirte man über die schöne Grete, des reichen Gutsbesitzers Nitschmann einzige Tochter.

Das Fräulein, weit bekannt als das schönste und begehrenswertheste Mädchen, galt allgemein als uneinnehmbar, denn kein Mann konnte sich rühmen, jemals auch nur einen verheißungsvollen Blick von der stolzen Schönheit bekommen zu haben.

Ein junger Gutsbesitzer, der erst seit vierzehn Tagen hier ansässig war, hörte still und aufmerksam zu.

„Ja, ja, mein lieber Herr Sandow,” rief ihm ein junger Lehrer zu, „da wird selbst Ihre Kunst versagen! Die schöne Grete hat ein Herz von Stein.”

Fritz Sandow, ein Hüne von Gestalt, ein echter Siegfried-Typus, lächelte ein wenig ironisch und sagte dann: „Nun, das möchte ich noch bezweifeln.”

Ein allgemeines Halloh entstand und mit einem Male war Sandow der Mittelpunkt des Interesses. Der Wein hatte alle Köpfe erhitzt, und nun drang man laut und stürmisch auf den blonden Riesen ein, doch zu beweisen, ob er mehr fertig bringen könne als die Anderen, von denen sich schon Viele einen Korb von der schönen Grete geholt hatten.

Fritz Sandow, der auch schon ein wenig angeheitert war, erhob sich und begann: „Meine Herren, ich hoffe, daß Sie mich für keinen Prahlhans halten, aber glauben Sie mir, zu fangen ist jedes schöne Mädchen. Glauben Sie mir, ich spreche aus eigner Erfahrung! Und zum Beweis dafür will ich hier eine Wette proponiren. Wer wettet mir, daß ich die schöne Grete coram publico küsse?”

Ein Sturm erhob sich. Alles schrie durcheinander, wild und unbändig, nur der blonde Riese blieb ruhig lächelnd stehen. Schnell kam die Wette zu Stande.

„Angenommen,” rief Sandow, „wir haben heute den 3.Januar — bis zum 1.Februar habe ich die schöne Grete öffentlich geküßt oder ich zahle zehn Flaschen Röderer. Aber bis dahin, meine Herren, strengste Diskretion, auf Ehrenwort!”

Lachend und in heiterster Stimmung kneipte mnan weiter.

Am nächsten Morgen, als Sandow einen Rundgang durch Hof und Felder machte, überlegte er die ganze Geschichte noch einmal und nun bereute er fast, diese Wette gemacht zu haben, denn er schämte sich, dem schönen Mädchen den Spott anzuthun, dann aber kam wieder der Schalk in ihm zur Geltung, und seine junge ungestüme Kraft sehnte sich danach, das schöne Mädchen zu umfassen. Er hatte sie erst zweimal gesehen, aber das hatte schon genügt, all' sein Interesse zu regen, und gerade ihre Sprödigkeit reizte ihn erst recht.

Drei Tage später war Schlittenkorso.

Alle Besitzer der Umgebung und Jeder, der nur Pferd und Schlitten auftreiben konnte, war erschienen. Es war eine lange Reihe, bunt und abwechlungsreich, vom einfachsten Strohschlitten bis zum elegantesten Jagdschlitten, Alles war vertreten, und unter lustigem Schlittengeläute fuhr man durch die Stadt einer kleinen Forsthütte zu, wo der Kaffee eingenommen werden sollte.

Fritz Sandow, der selbst fuhr, hatte es so einzurichten gewußt, daß er neben den Schlitten der schönen Grete kam.

Auch Grete Nitschmann führte die Zügel, und heute sah sie schöner denn je aus, denn das kecke Pelzbarett machte sie noch muthiger aussehen, und die frische Schneeluft hatte ihr Gesicht leicht geröthet, sodaß dem nebenher fahrenden Sandow oft das Herz klopfte vor stürmischer Erregung.

Bisher war er mit ihr noch keinen Schritt weiter gekommen. Auch er wurde behandelt wie die Anderen, höflich aber kühl. Doch dadurch ließ er sich nicht abschrecken, denn er war ja in solchen Angelegenheiten kein Neuling.

Plötzlich flog ein Rabe krächtend auf, so daß die Braunen vor Grete Nitschmanns Schlitten scheu wurden, sich jählings nach rechts wandten, vom graden Wege abbogen und nun im wildesten Tempo querfeldein durchgingen.

Sofort lenkte auch Sandow nach rechts hinüber und nun blieb er an der Seite der durchgehenden Thiere.

Die anderen Schlitten stockten. Allgemeines Entsetzen trat ein, denn die wilde Fahrt der beiden rechts dahinsausenden leichten Schlitten sah höchst gefährlich aus.

Sandow rief dem Fräulein ein paar Worte zu, Verhaltungsmaßregeln, die aber nicht gehört wurden, dann brachte er sein Gefährt zum Stehen, sprang hinaus und lief nun den noch immer durchgehenden Gäulen nach. Doch es war bereits zu spät, denn eben wurde der andere Schlitten umgeworfen, das Fräuleion fiel in den Schnee, die Deichselstange brach und die wilden Gäule rannten weiter.

Zart und behutsam hob der blonde Riese das hübsche Mädchen auf, und da, als er die schlanke zitternde Gestalt im Arme hatte, da blickte er zum ersten Male verlangend, sehnend und bittend in die schönen braunen Augen des Mädchens, — nun war der rechte Moment da, nun konnte er den Kuß sich rauben, mit Leichtigkeit sogar, aber nun stand er da und hatte nicht den Muth, es zu thun, denn aus den Augen des schönen Mädchens traf ihn ein Blick, der ihn entwaffnete, ein Blick bei aller Hoheit und Vornehmheit doch noch von bittender Liebe und echt weiblicher Demuth, wie er etwas Aehnliches niemals gesehen hatte. Das gab ihm seine Manneswürde wieder.

Im nächsten Augenblick saß sie in seinem Schlitten, und in einer Viertelstunde war Alles vergessen, und man lachte nur noch über den Zwischenfall, der so leicht hätte verhängnißvoll werden können. Zu seiner großen Freude entdeckte er nun, daß dies schöne Mädchen auch sehr lustig und witzig sein konnte, und er fand nicht eine Spur mehr von jenem Stolz, der sie so verrufen gemacht hatte. Als man endlich sich Adieu sagte, schieden sie als gute Freunde, als Menschen, die sich verstehen gelernt hatten, und sagten: „Auf Wiedersehen!”

Also an diesem Tage küßte er sie nicht.

Fritz Sandow war mit einem Male sehr nachdenklich geworden. Er fand nun ganz ernsthaft, daß er damals, als die Wette zu Stande kam, doch sehr im Rausch gewesen sein müsse, denn eigentlich war es doch ganz unverantwortlich, eine Dame so kompromittiren zu wollen! — — Von dem Tage an mied er den Stammtisch, um jedem Gerede zu entgehen.

Acht Tage später war das Eisfest.

Der große See vor dem Städtchen war zugefroren und es gab eine prächtige Schlittschuhbahn. Alles, was laufen konnte, tummelte sich auf dem Eise.

Fritz Sandow lief zusammen mit Grete Nitschmann. Sie waren ein prächtiges Paar. Alle Augen richteten sich auf sie, als sie ihre eleganten Kurven zogen. Und all' die Stammtischfreunde verfolgten das Paar, denn heute hoffte man Zeuge des langersehnten Schauspiels zu sein.

Aber man täuschte sich.

Fritz und Grete blieben zwar unausgesetzt beisammen, denn sie unterhielten sich ganz prächtig; das aber, was die Stammtischfreunde so sehnlichst erwarteten, geschah nicht.

Das Paar lief weiter hinaus, entfernt von all' den müßigen Zuschauern, denn sie wollten die freie Bahn des großen Sees gewinnen, um ein wenig ganz unbehelligt dem gesunden Schlittschuhsport sich hinzugeben.

Fritz, der durchaus damit einverstanden war, erhob plötzlich warnend seine Stimme, denn er machte zu seinem Schrecken die Entdeckung, daß man in die Nähe der Oeffnungen kam, die die Fischer geschlagen hatten und die nur leicht zugefroren waren.

Doch Grete, die heute fast ausgelassen lustig war, spottete nur darüber, nannte ihn einen „Herrn Hasenfuß” und lief schnell allein weiter.

Kaum aber war ihr diese spöttelnde Aeußerung entfahren, als das Eis unter ihr zu krachen und knacken begann, so daß sie laut aufschrie und mit einem kühnen Bogen zu Fritz hinüberlief. Zitternd stand sie vor ihm. Ihre Blicke trafen sich. Fast eine Minute sahen sie sich in die Augen. Keiner sprach ein Wort.

Da nahm er wieder ihren Arm. „So, mein Fräulein Leichtsinn,” sagte er dann lächelnd, „jetzt lasse ich Sie nicht wieder los, jetzt müssen Sie mir gehorchen.”

Schweigend, noch immer zitternd, ließ sie es nun geschehen, aber als sie sich dann wieder ansahen, da mußte sie erröthend die Augen senken.

Und da kam ihm plötzlich wieder die Lust an, sie nun an sich zu reißen und nun ihr den Kuß zu rauben.

Doch einen Augenblick nur übermannte ihn diese wilde Lust, dann war er wieder Herr darüber, und nun that er heimlich einen Schwur, sie nicht eher zu küssen, bis sie sein Eigen war, denn jetzt war es ihm klar, daß er sie liebte und daß sie sein Weib werden mußte.

So kam es, daß all' die guten Stammtischfreunde auch heute wieder mit enttäuschten Hoffnungen abziehen mußten.

Aber als das Paar sich trennte, fragte Fritz: „Darf ich hoffen, Sie bald wieder zu sehen, Fräulein?”

Und darauf antwortete sie leicht erröthend: „Meine Eltern würden sich sehr freuen, wenn Sie uns mit Ihrem Besuch beehren wollten.”

Dankend küßte er ihr die Hand und sagte: „Also dann auf Wiedersehen!” Und als er ging, da sah er es an ihrem Blick, daß auch sie ihn liebte. Jubelnd ging er von dannen. Nun war Alles gewonnen!

Noch an demselben Abend gab er am Stammtisch die zehn Flaschen Röderer zum Besten und sagte: „Meine Herren, ich habe die Wette verloren; wir wollen erst gar nicht den festgesetzten Termin abwarten; ich bereue, was ich damals in der Uebereilung gesagt habe, ich nehme es zurück, denn ich halte es für schmachvoll, eine Dame auf solche Art und Weise zu kompromittiren; ich bitte also noch einmal um strengste Diskretion über die ganze Geschichte — und nun Prosit, meine Herren!”

Sie tranken bis zum frühen Morgen, und als der junge Lehrer in heiterster Laune Fritz beiseite nahm und ihm heimlich zur bevorstehenden Verlobung gratulirte, da antwortete dieser mit einem vielsagenden Lächeln: „Na, was nicht ist, kann ja noch werden.”

Und vier Wochen später war die schöne Grete wirklich verlobt mit dem blonden Riesen.

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